Fachdidaktische Überlegungen zum Technischen Werken

Vergleicht man die werkpädagogischen Konzepte der letzten zwei Jahrhunderte, so sind starke Unterschiede in den Bildungsvorstellungen, ja stellenweise diametrale Gegensätze feststellbar. Betonte die "Industrieschule" des ausgehenden 18. Jahrhunderts die mechanischen Fertigkeiten durch Vormachen und Nachmachen, wartete Heusinger am Beginn des 19. Jahrhunderts schon mit Gedanken zu einem Erwerb "dynamischer Grunderkenntnisse" durch "Selbsttätigkeit" auf. Bevorzugte Seinig um 1900 den "Taktunterricht", entdeckte die Reformpädagogik am Anfang des 20. Jahrhunderts die "Schaffenskräfte" des Kindes, die es in einem freien Werkschaffen zu entfalten galt. Bildeten im "Spiel mit den bildnerischen Mitteln" der 1950er-Jahre die formal-ästhetischen Grunderfahrungen die zentralen Inhalte, so trat in den 1960er-Jahren die technische Bildung in den Vordergrund. Anstelle des musisch orientierten Gestaltens rückten polytechnische und ingenieurwissenschaftliche Bezugsfelder in den Mittelpunkt des Interesses. Gesellschaftspolitische Themen wie Konsumentenerziehung, Stadt- und Umweltplanung und Fragen zur Humanisierung der Arbeit erweiterten später das inhaltliche Spektrum.

Mit dem zunehmenden Einsatz der Neuen Medien in den Schulen wurde in den 1990-er Jahren auch der Einsatz des Computers im Werkunterricht thematisiert. Positonen dazu sollten jedenfalls aus einem bildungstheoretisch fundierten und fachdidaktisch gesicherten Kontext entwickelt werden.
Das Einzigartige des Werkunterrichts im Konzert der verschiedenen Fächer einer AHS besteht in der direkten Begegnung des Menschen mit den Dingen, es ist ein Erfahren und Lernen mit all seinen Sinnen. Nirgendwo sonst im gesamten Fächerkanon ist diese unmittelbare sinnliche Begegnung im Machen mit den Händen, dieses ganzheitliche Lernen in dieser besonderen Weise zu finden. Ob diese Einzigartigkeit aufgegeben werden soll, weil es im Moment im Zuge einer gewissen Technologie-Euphorik opportun zu sein scheint, sollte erst nach sorgfältigem und fachlich versiertem Abwägen geschehen. Zudem mehren sich zusehends die Stimmen, die generell eine sachliche Prüfung beim Einsatz des PCs im Unterricht einfordern und nachhaltig nach den entscheidenden Parametern im sinnvollen Lehren und Lernen fragen. Wo ein echter Mehrwert im Lernen und Aneignen von Bildung nach pragmatischem Abwägen zu erwarten ist, sollte der Computer gezielt und sinnvoll auch im Werkunterricht eingesetzt werden. Die von mancher Seite vollmundig angesagte "Revolution des Lernens" mit dem Computer ist allerdings kritisch zu hinterfragen. Der Computer sollte nicht Selbstzweck sein, sondern nur Mittel zum Zweck.
Zudem ist auch der Blick auf die geringe Stundendotation mit 1 Doppelstunde pro Woche (am Realgymnasium von der 1. - 4. Klasse, am Gymnasium nur in der 1. und 2. Klasse) eher ernüchternd und zwingt zur Konzentration auf das Wesentliche im Erwerb von Bildungsinhalten. Welcher Anteil dem PC im Werkunterricht einzuräumen ist, wird letztlich über eine fundierte bildungstheoretische Position und unser Bild vom Menschen zu entscheiden sein.
Für das kreative Entwerfen von Geräten sind jedenfalls nur ein Blatt Papier, ein Bleistift, vielleicht auch ein paar Materialteile vonnöten. Diese zentrale Phase im Erfindungs- und Entwicklungsprozess verläuft mit dem Computer meist viel umständlicher, der kreative Fluss wird dabei eher gestört als gefördert. Die Erfahrungen beim Bearbeiten von Werkstoffen mit Säge und Raspel und die sinnliche Begegnung mit der "Welt" beim planvollen und kreativen Realisieren nach eigenen Ideen wird wohl kein Computer ersetzen können.

Die auf dieser Site vorgestellten Werkaufgaben beziehen sich verstärkt auf designtheoretische Grundlagen. Es werden dabei die maßgeblichen Aspekte im Gebrauchsgut nicht isoliert betrachtet, sondern in ihrer Abhängigkeit voneinander. Form, Funktion, Material und Herstellungsverfahren sollen zu einer stimmigen, beziehungsreichen Einheit finden. Unterrichtsprinzip ist das Gegenständlich-Ganzheitliche, das sich im fertigen Werkstück äußert und den Werkprozess beim Entwerfen und Bauen von Geräten begleitet.

Basis des werkorientierten Machens ist ein handlungsorientiertes Lernen durch die Tatanschauung. Der Kernbereich der Werkpädagogik ist die Lebenswelt, die vom Menschen gestaltet und durch seine Sinne wahrnehmbar ist. Die Elektrotechnik wird am sinnfälligsten in Verbindung mit mechanischen Vorrichtungen.
Damit die bildende Form der Selbsttätigkeit wirksam werden kann, sollten elementare, schülergemäße Erfindungs- und Entwicklungsaufträge an den Schüler gestellt werden. Der Bildungsgehalt der Werkerziehung gründet auf einer kreativen, auf Selbstständigkeit ausgerichteten Erziehung. Eine Betonung des Erfinderischen (auch Nacherfindens) sowohl auf technisch-funktioneller wie ästhetisch-formaler Ebene schließt deshalb die Verwendung von vorgefertigten Bausätzen weitgehend aus.


Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wurde in diesem Text auf die geschlechtsspezifische Differenzierung, z. B. Lehrer/Innen, verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter.